Die Heimschule am Laacher See (von Werner Müller)


 
Auf einem Hochplateau der Gemeinde Nickenich an der Gabelung L116 Maria Laach - Nickenich einerseits und der K57 in Richtung Kell andererseits liegt am Wanderweg nach Andernach ein großes drei geschossiges Gebäude. Leere Fensterhöhlen und Verfall sowohl innen als auch im Umfeld lassen darauf schließen, dass dieses Gebäude seit langer Zeit völlig ungenutzt ist. 


Die Heimschule heute

Zu welchem Zweck wurde dieses große Gebäude, "Die Heimschule", denn eigentlich erbaut? Lassen wir die Väter der Idee mit einem Auszug aus des Vorwort des Heftes   
"Die Heimschule" von 1927 zu Wort kommen: 

Die schweren Jahre des ausgehenden (1. Welt-)Krieges und seiner Folgen zeigten in weiten Kreisen unseres Volkes Ansätze zu einer geistigen Erneuerung, die verheißungsvoll waren, und gerade bei den Katholiken aus der tiefe eines stärkeren religiösen Lebens zu kommen schienen. Heute ist es hier wieder stiller geworden. Es scheint, dass diese Bewegung vielfach doch nur von vorübergehenden Zeitstimmungen getragen wurde. Um so notwendiger ist es, das in unser Erziehungswesen hineinzunehmen und damit zu einer stilleren, aber nachhaltigen Wirkung zu bringen, was an den Ideen und Antrieben jener Jahre wertvoll und fruchtbar war: Den Willen. von Grund auf neu zu bauen, wo bloße reformerische Bemühung um Einzelnes und Äußerliches versagt hatte; die Vertiefung des Erziehungsbegriffes von einer vorwiegenden nützlichen Schulung des Intellekts zu einer vollen, leibseelischen Menschenbildung letzen Endes durch die Kräfte der Menschen und nach stilvoller Ganzheit des Lebens.


Geplantes Modell der Heimschule realisiert wurde nur der vordere Querbau

Eine solche, durch die Gunst der Verhältnisse zu höherer Leistung verpflichtete "katholische neue Schule" möchte die HEIMSCHULE AM LAACHER SEE werden. Sie will, die Antriebe und Aufgaben der Zeit mit zeitüberlegenen Kraft der Kirche 
ergreifend, danach streben,  im ganzen Umfange und bis in die letzte Einzelheit hinein, ihr Leben einheitlich und nach der Idee katholischer Bildung formen. (...) 

 


Die Heimschule im Jahre 1928, im Vordergrund der Schulgarten

Auf einen Nenner gebracht: Hier wurde eine katholische Konfessionsschule geplant und gebaut, die den Landerziehungsheimen und freien Schulgemeinschaften verwandt war. Schulträger war die "Gesellschaft für ländliches höheres   
Heimschulwesen gemeinnützige GmbH", bei der unter anderem der Bischöfliche Stuhl in Trier, die Abei Maria Laach, der Volksvereinsverlag Mönchengladbach und andere kirchliche und gesellschaftliche Institutionen Gesellschafter waren. Der erste Direktor der Schule war Dr. Bruno Benten. 

Es handelte sich um ein vereinigtes Gymnasium und Realgymnasium mit gemeinsamer Unterstufe und jeweils eigener Oberstufe mit der Möglichkeit, die Abiturprüfung abzulegen. 

 


Grundsteinlegung zur Heimschule 1927 durch den Abt von Maria Laach Ildefons Herwegen

Zu Ostern 1928 wurde der Schulbetrieb mit einer Sexta aufgenommen. Die Planung sah vor, mit dem Fortschritt des Bauvorhabens in den folgenden Jahren bis 1936 eine vollzügige Schule zu schaffen, in der von der Sexta bis zum Abitur unterrichtet werden sollte.  
 

Der Unterricht erfolgte in den Klassen 1 - 9 mit 14 Gruppen zu je 11 meist im Hause wohnenden Schülern. Auch Kinder aus den umliegenden Ortschaften hatten die Möglichkeit, die Schule zu besuchen. 

Der Tagesablauf in der Heimschule war für die Kinder zwar straff organisiert; es blieb jedoch noch ausreichend Freiraum für Ganz- und Halbtagswanderungen, Lehrausflüge, größere zusammenhängende Arbeiten im Unterricht, in der Werkstatt, in Garten, Feld und Wald, sowie für Schulfeste und Elterntage. Hier verwirklichte die Schule damals schon zukunftsweisende pädagogische Konzepte, die auch heute noch ihre Gültigkeit besitzen. 

In der Regel begann der Schultag mit dem Wecken um 6.30 Uhr, an die sich sogleich eine erste Körperübung (Freiübungen, Dauerlauf, Dusche) anschloss. Nach der Heiligen Messe von 7.00 Uhr bis 7.30 Uhr erhielten die Kinder das erste Frühstück, wie alle Mahlzeiten bestehend aus "zweckmäßiger und nahrhafter Kost". Der Unterricht dauerte von 8.00 bis 12.00 Uhr. Er wurde von 9.35 bis 10.00 Uhr unterbrochen  von einer großen Pause, in der die Betten gemacht und das zweite Frühstück eingenommen wurde. Nach einer weiteren Unterrichtsstunde folgte von 10.50 bis 11.50 Uhr eine weitere Körperübung. Hierbei verrichteten die Schüler entweder Garten- und Werkstattarbeit oder betrieben Sport. 

Dem Mittagessen von 12.00 bis 12.30 Uhr schlossen sich eine halbstündige Ruhezeit, sowie eine anschließende Freizeit bis 14.00 Uhr an. Danach betätigten sich die Kinder bis 15.45 Uhr erneut im Garten, in der Werkstatt oder beim Sport. Nach einer Kaffeepause von 15 Minuten folgte eine weitere Unterrichtsstunde bis 16.45 Uhr. Im Anschluss daran machten die Kinder bis 18.00 Uhr ihre Hausaufgaben. Von 18.00 Uhr bis 18.30 Uhr gab es Abendessen, anschließend bis 20.30 Uhr Feierabendbeschäftigung. Es folgten nochmals Körperübungen (Freiübungen, Dauerlauf, Dusche) bevor die Schule nach der Abendandacht ab 21.00 Uhr in das unbedingt einzuhaltende "Schweigen der Nacht" eintrat. 

Leider war die Schule trotz des regen Zulaufs kein dauerhafter Erfolg beschieden. Durch Weltwirtschaftskrise mit ihren Folgen konnte der geplante Weiterbau der Heimschule nicht realisiert werden. Als dann im Jahre 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war für katholische Konfessionsschulen keine Geld mehr übrig. 


1. Bauabschnitt mit vorgefertigten Deckenteilen aus Bimsbeton 1927

Der Schulbetrieb musste daher infolge wirtschaftlicher und politischer Schwierigkeiten bereits 1934/35 wieder eingestellt werden. 

Das Gebäude stand aber nicht lange leer, denn bereits kurze Zeit später war er bis ins Jahr 1944 

als "Heimstätte für Mädchen", die ihr Landjahr absolvieren mussten, eine nationalsozialistische Einrichtung zur Unterstützung der Landfrauen und kinderreicher Familien. Von der Heimschule aus gingen die Mädchen frühmorgens in Gruppen nach Eich, Kell, Nickenich und Wassenach,  um dort in den zugewiesenen Familien ihren Dienst zu verrichten. Abends kehrten sie dann wieder zur Heimschule zurück. 

Im Jahr 1944 wurde das Gebäude dann von der V1-Truppe, Regiment 152 Wachtel, belegt. Im angrenzenden Hochwald wurde die V1-Rakten einsatzfähig gemacht und zu den Abschussrampen in der Eifel gebracht. In der gesetzlosen Zeit nach 1945 kam dann das "Aus" für die Heimschule. Von außen wurden die Fenster zertrümmert und im Innern wurde gestohlen, was nicht niet- und nagelfest war. Vieles wurde auch "nur" mutwillig zerstört. Seit dieser Zeit steht das Gebäude leer. Bestrebungen Ende der 50er Jahre, ein Schullandheim daraus zu machen, scheiterte an der mangelnde Wasserversorgung. Aufgrund der Lage des Gebäudes mitten in der Vulkanlandschaft des Laacher See Gebietes, würde sich eine Nutzung im Rahmen eines der vielen "Vulkanpark-Projekte" geradezu anbieten, zumal die Wasserversorgung heute kein Problem mehr ist und das Gebäude Zeitzeuge der Entwicklung der Bimsindustrie ist. Das Innere des Gebäudes wurde damals schon mit Bimsfertigdecken abgemauert. Vielleicht erinnern sich ältere Bimsfabrikanten an dieses Relikt aus den Anfängen der Bimssteintechnik um den Verfall zu stoppen und das Gebäude wieder nutzbar zu machen.


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 letzte Änderung: 13.04.2002