Vor 60 Jahren: Das Drama von Stalingrad, die Wende

im 2. Weltkrieg im Bezug auf unsere Heimat.

 

Von Werner Müller

 

 

So wie auf Bild 1 dargestellt, war auf dem Höhepunkt des deutschen Eroberungskrieges im Frühjahr 1942 seine Weiterführung im Süden Russlands geplant.

 

  

Bild 1 Vormarschplan der Wehrmacht

 

Aber mit des Geschickes Mächten ist kein ew‘ger Bund zu flechten ....

 

Schon zu Anfang des Frühjahres 1942 gab es Probleme. Die gesteckten Ziele wurden verspätet oder gar nicht erreicht. Woronesch z. B. konnte nie ganz erobert werden. Ebenso konnten die russischen Truppen nicht auf der ganzen Länge hinter den Don zurück gedrängt werden; sie behielten wichtige Brückenköpfe, aus denen diese dann später zum Einschließungsring um Stalingrad hervorstoßen konnten.

 

Es war die 6. Armee, die im Frühjahr 1942 zum Sturm auf Stalingrad ansetzte.

Im Truppenverband dieser 6. Armee befanden sich 5 rheinische Divisionen, die teilweise erst zu Beginn des Jahres 1942 neu aufgestellt worden waren und die aus den Kasernen direkt an den Südabschnitt der Ostfront verlegt wurden.

Die Regimenter kamen aus den Standorten Koblenz, Trier, Mainz, Köln, Aachen und Darmstadt. Es waren dies die 79. I.D. (Infanterie-Division) die 371. I.D. die 376. I.D, die 389. I.D. die 9. Flak Div. und das 61. Flak Regiment.

Bei Zugrundelegung von 16000 bis 20000 Mann Sollstärke je Division, kann man einschließlich der noch unterstellten Truppenteile, mit gut und gerne 100000 rheinischen Soldaten an der Stalingrader Front rechnen.

 

Die Bevölkerung des Rheinlandes wurde unruhig, als in Verbindung mit den schweren Kämpfen im Großraum Stalingrad, die Zahl der Gefallenen und der Verwundeten dramatisch anstieg .

Von August 1942 bis Januar 1943 hatte unser kleiner Ort Wassenach 6 Kriegsopfer zu beklagen. Davon fielen 4 im Raum Stalingrad. Dieser Opferspiegel war in etwa für das ganze Rheinland maßgebend, denn kein Ort unter 1000 Einwohner aus dem nicht 4 - 5 Soldaten in Stalingrad zugrunde gingen.

Wie unsere Väter, Brüder und Söhne in Stalingrad auf Befehl untergingen und starben, läßt sich in Worten nicht schildern, denn für den Tod in Stalingrad fehlen in Anbetracht des Grauens die Worte.

 

34000 Verwundete und Spezialisten konnten noch ausgeflogen werden, ehe die Flugplätze Pitomnik und Gumrak verloren gingen. Die im Umkreis der Flugplätze in Zelten und Erdbunkern notdürftig untergebrachten Verwundeten konnten nicht geborgen werden und erfroren bei minus 30 Grad in den ungeheizten Zelten und Bunkern, oder auf den offenen LKW, mit denen man noch einen Teil nach Stalingrad-Stadt bringen wollte. Aber auch hier gab es keine Versorgung für die Verwundeten, denn die Stadt war mittlerweile so gründlich zerstört, daß weder Kellerräume noch sonstige Unterbringungsmöglichkeiten vorhanden waren. Was aber das Schlimmste war, man konnte auch die vorhandenen Keller und Bunker nicht beheizen, denn die baumlose Steppe um Stalingrad lieferte kein Brennholz.

 

Um Weihnachten 1942 war der Verpflegungssatz auf 300 gr. Brot, 3 Zigaretten, etwas Wassersuppe und Ersatzkaffee festgesetzt. Diese Ration erhielt aber nur die kämpfende Truppe, die Verwundeten gingen leer aus.

Selbst der evangelische Pfarrer und Stabsarzt Dr. Kurt Reuber hatte nichts Essbares, das er seinen Verwundeten anbieten konnte. In dieser verzweifelten Situation hatte er auf der Rückseite einer russischen Landkarte die Madonna von Stalingrad (Bild 2) gezeichnet mit der Umschreibung

 

"Weihnachten im Kessel Stalingrad 1942, LICHT, LEBEN, LIEBE"

 

 

          Bild 2   Stalingrad-Madonna

  

Vor diesem Bild, mit einigen Kerzen erhellt, hielt man eine Weihnachtsfeier ohne Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den Angehörigen in der Heimat.

 

Mein Vater, selbst im Kessel von Stalingrad eingeschlossen, schrieb am Neujahrtag 1943, dem Tag, seit dem er vermißt ist im letzten Brief: „Für ein Brot würde ich 20 Mark geben. Pferdefleisch schmeckt, wie zu Hause Schinken“...

 

Das Sterben dauerte noch bis zum 2. Februar, als der letzte Zipfel des Nordkessels kapitulierte. Tote und nochmals Tote blieben nach der Schlacht übrig. (Bild 4)

Bild 4

Aber auch dann hörte das Sterben nicht auf, denn ca. 100000 an Körper und Geist gebrochene deutsche Soldaten gingen in die Gefangenschaft und nur 5000 bis 6000 von ihnen sahen die Heimat wieder.

Das Bangen und die Ungewißheit in der hiesigen Bevölkerung um die eingeschlossenen Angehörigen in Stalingrad wurde immer größer. Offiziell war ja im Großdeutschen Rundfunk von einem Einschließen der deutschen Truppen in Stalingrad nichts gesagt worden, aber es wurden Auslandssender abgehört und so war die hiesige Bevölkerung sehr wohl auf dem Laufenden und wußte was da unten vor sich ging.

Die letzte Post von meinem Vater, der auch in Stalingrad unterging, (Bild 3) war vom 1.Januar 1943 und kam schon am 6.Januar bei uns zu Hause an, ein Ablenkungsmanöver um die wahre Situation herab zu spielen, denn danach kam nichts mehr, außer der lapidaren Mitteilung, daß der Soldat Bruno Müller im Kampfraum Stalingrad vermißt sei.

 

Die Stimmung im Rheinland war ob der großen Verluste auf den Nullpunkt Gefallen. Da halfen auch die heroischen Reden von Göring und Goebbels nichts mehr. Das Gespenst des verlorenen Krieges ging um, aber es dauerte noch über 2 Jahre, ehe das Völkermorden zu Ende war und wie viele unschuldige Menschen mußten in dieser Zeit noch sterben? Allein aus Wassenach, einem Ort von damals knapp 600 Einwohnem, kehrten 56 Väter, Brüder und Söhne nicht mehr nach Hause zurück !

 

  

50 Jahre später:

 

50 Jahre danach, im Jahre 1993 hatten mein Bruder und ich die Gelegenheit, mit dem "Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.“ nach Stalingrad, dem Ort des Schreckens und des vermutlichen Todes unseres Vaters zu fliegen. Hatte unser Vater damals im Oktober 1942 drei Wochen gebraucht, um aus dem letzten Urlaub dorthin zu gelangen, so schafften wir diese Strecke ab Wassenach in 24 Stunden, mit 5 Stunden Aufenthalt in Moskau.

Der Empfang in Stalingrad war überaus freundlich und auch in den 8 Tagen unseres Aufenthaltes in Russland begegnete uns niemand feindselig. Im Gegenteil, wenn man trotz der Sprachbarriere einige Worte sprechen konnte, verfluchten alle den unseligen Krieg.

Stalingrad, als Ort der Kriegswende und des Sieges über den Faschismus, ist mit Monumenten aus dieser Zeit übersät. Aber wäre dies bei einem Deutschen Sieg nicht genau so geschehen ?

Ich habe diese Denkmäler 50 Jahre nach dem großen Völkersterben, als Gedenkstätten für alle gefallenen Soldaten des 2.Weltkrieges empfunden.

Wenn auch die heroische Mutter Russland mit dem Schwert in der Hand hoch oben auf der am erbittertsten umkämpften Höhe 102, dem Mamajew Hügel stehend, etwas groß geraten ist, so ist die weinende Mutter Russland auf einem Plateau unterhalb der Höhe, in einem Meer von Tränen sitzend, die sie um ihren toten Sohn, den sie auf dem Schoße trägt, vergossen hat, (Bild 5) ein Symbol für alle Mütter dieser Welt, die um ihre in den Kriegen gefallenen Männer und Söhne weinten.

 

Bild 6 Weinende Mutter Rußland mit einer Abiturklasse aus Stalingrad (Wolgograd)

 

Ebenso schämte ich mich nicht meiner Tränen, als im großen Rund des Mausoleums, Punkt 12 Uhr die Ablösung der Ehrenwache für die Gefallenen erfolgte.

 

Nach unserem Besuch in Stalingrad besuchten wir noch die ehemaligen Kriegsgefangenenlager, u.a. Jelabuga, ca. 300 km östlich von Kasan, wo sich auch das Grab des Schöpfers der Stalingradmadonna Kurt Reuber befindet (Bild 8), der dort im Januar 1944 gestorben ist.

 

60 Jahre später:

 

60 Jahre später ist der große Sammelfriedhof für die gefallenen deutschen Soldaten im Großraum Stalingrad, dank des unermüdlichen Einsatzes des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge e.V. bei Rossoschka, ca. 40 km vor Stalingrad, Realität geworden.

In einem großen, runden, von einer Mauer umgebenen Feld, werden die noch auffindbaren Gefallenen der Kriegsfriedhöfe und der großen Gefangenenlager von Beketowka wohl endlich ihre letzte würdige Ruhestätte finden. (vgl.  Luftaufnahme Bild Nr. 10)


Bild 10            Luftaufnahme Soldatenfriedhof

 

37000 Gefallene ruhen schon im neuen Rund des Friedhofes, aber für viele Soldaten, die in der Stadt ihr Leben ließen, wird es keine namentlichen Gräber geben, denn ihre Leiber ruhen in den Balkas um Stalingrad, 30 Meter unter dem Schutt der total zerstörten Stadt, mit dem man die Toten bedeckte. Ihnen wird man derart gedenken, daß man ihre Namen sowie die Lebens- und Sterbedaten in die Steinplatten an der Ringmauer einmeißelt.

 

Dem Deutschen Friedhof gegenüber wurde auf Betreiben der russischen Veteranenverbände auch ein Friedhof für die gefallenen russischen Soldaten angelegt (vgl. Bild 9); übrigens in dieser Art ein Seltenheit in Russland.

 

Ausblick:

 

Es ist nur schade, daß der Dank des Vaterlandes, sprich, die finanziellen Zuschüsse der Bundesrepublik an den Volksbund Deutsche Kriegsgräber Fürsorge e. V. immer dürftiger ausfallen.

 

Es sind ja nicht die über 2 Millionen Gefallenen der ehemaligen Ostfront daran schuld, daß sich nach dem 2. Weltkrieg zunächst der Eiserne Vorhang im Osten senkte, und man den vielen Gefallenen keine würdigen Gräber geben konnte, wie dies ab den 5Oer Jahren an den ehemaligen Fronten des Westens in vorbildlicher Weise geschah.

 

Daher sind die Angehörigen der Kriegsgeneration, denen der Staat die Väter genommen hat, aufgerufen, unsere Staatsmänner an den versprochenen "Dank des Vaterlandes" zu erinnern, denn Krieg und Gewalt zerstörte ihr Leben.

 

Helfen wir mit, Zeichen zu setzen, daß wir unsere Gefallenen nicht vergessen haben. Sorgen wir mit, daß auch den Gefallenen an der ehemaligen Ostfront endlich würdige Gräber gegeben werden, die dann zu Ausgangspunkten für

 

FRIEDEN, FREUNDSCHAFT und VERSÖHNUNG

 

werden mögen.

 

 

Anmerkung:

Der Autor dieses Berichts Herr Werner Müller (vgl. Bild 12) ist am 02.09.2002 im Alter von nur 66 Jahren nach schwerer Krankheit verstorben. Er hatte diesen Text und die Fotos noch zusammengestellt, ehe die Krankheit ein weiteres Tätigwerden nicht mehr zuließ.

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 letzte Änderung: 14.12.2002